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Stilistische Instant-Brühe

Ob LinkedIn-Post oder Blogbeitrag, ob studentische Hausarbeit oder beruflicher Projektbericht, der Anteil erkennbar KI-generierter Texte nimmt zu. Ich selbst erlebe es jeden Tag in meinem akademischen, beruflichen und privaten Umfeld. In den meisten Fällen braucht es keine spezielle Software (oder KI-Unterstützung), um festzustellen, ob generative Sprachmodelle bei einem Text ihre Algorithmen im Spiel hatten. Unabhängig vom Inhalt gibt es klare Anzeichen für die Mitarbeit von KI. Was vielleicht in Seminararbeiten aufgrund ihrer Länge nicht gleich auffällt, offenbart sich in kürzeren Texten wie LinkedIn-Beiträgen schon auf den ersten Blick. Es ist das, was beim Durchlesen für mehr als einen strengen Beigeschmack sorgt.

Wer einmal eine Tütensuppe gekostet hat oder eine 5-Minuten-Terrine, der kennt den charakteristischen Geschmack von Instantgerichten. Ob Pasta Carbonara oder Tomatensuppe, die Mahlzeit aus der Tüte ist vor allem eines: überwürzt. Ihr entscheidender Vorteil: Zu jeder Tages- oder Nachtzeit steht in wenigen Minuten etwas Warmes auf dem Tisch. Heißes Wasser auf die gefriergetrocknete, hochverarbeitete Pulvermischung, 5 Minuten warten und im Becher schwimmt etwas, das zumindest der Werbung nach einer vollwertigen und deftigen Hühnersuppe gleichkommen soll. Tut es natürlich nicht, aber es ist wunderbar aufwandsfrei und der Hunger treibt`s rein.

Wenn es riecht wie KI, schmeckt wie KI, dann ist es KI.

Was für die 5-Minuten-Terrine gilt, gilt auch für KI-generierte Texte. Nur, dass wir uns hier noch in der Launch-Phase des Produkts befinden und viele beim ersten Probieren anerkennend einräumen, dass das doch prima nach Text schmeckt. Nicht unbedingt Sterne-Küche, aber entschieden schneller, als wenn wir erst stundenlang am Herd stehen müssten.

Würde KI nur das Rezept liefern und würden wir dann mit frischen Zutaten (Inhalten) und eigenen Gewürzen (Gedanken) ein Gericht daraus machen, es ließen sich tolle Essen zaubern. Viel verlockender ist es aber, gleich das komplette Instant-Gericht zu nehmen – mit den gefriergetrockneten Zutaten und der fertigen Gewürzmischung. Einfach drei bis fünf Prompt-Sätze draufgießen, ein paar Sekunden warten, et voilà, fertig ist die inhaltlich-stilistische Instantbrühe. Prost Mahlzeit!

Mieses Ergebnis

Egal, was in der schnellen Mahlzeit auch drinsteckt, es ist vor allem eine Sache, die unangenehm aufstößt: KI-generierte Texte sind überwürzt. Und das mit den immer gleichen Gewürzen. Es gibt eine Fülle an rhetorischen Stilmitteln (fast 200), mit denen sich Sprache gestalten lässt. KI nimmt nur eine Handvoll davon – die aber gleich mit der Schöpfkelle. Was eigentlich verwundert. Wie kann ein so leistungsfähiges Instrument in seiner Gestaltungs- und Ausdrucksweise nur so reduziert sein? Die Ursache dafür ist systembedingt. Sie liegt in der Natur der Sprachmodelle (irgendwas mit Häufigkeiten, Wahrscheinlichkeiten und dass KI immer nur das ausspuckt, was sie vorher gefressen hat. Aber das soll hier nicht das Thema sein).

Worauf es ankommt, ist das Ergebnis. Und das ist mies. Eine solche Instant-Mahlzeit ist alles andere als schmackhaft. Besonders deutlich wird das im Berufsnetzwerk LinkedIn. Hier wird die eh schon geschmacksintensive KI-Brühe durch die Kürze der Beiträge noch mal aufkonzentriert. Positiv gesehen, sind diese LinkedIn-Posts eine prima Möglichkeit, um sich für das Thema „Text mit KI“ sensibilisieren zu lassen – und das mit dem Holzhammer. Zugleich sind sie aber auch die eindrückliche Warnung davor, generative Sprachmodelle in dieser Form für Texte zu nutzen.

„Snackification“ der Sprache

Die Schreib- und Lesekompetenzen der jüngsten Generationen nehmen drastisch ab. 2022 erreichte ein Viertel der 15-jährigen Schüler und Schülerinnen in Deutschland im Lesen nicht mal das Mindestniveau. Damit sind sie nicht in der Lage, die Hauptaussage eines mittellangen Textes zu erfassen. Auch der Anteil Erwachsener mit geringer Literalität stagniert seit Jahren. Jeder 5. Deutsche zwischen 16 und 64 Jahren zeigt unterdurchschnittliche Fähigkeiten im Umgang mit Schrift und Text. Das heißt, 10,6 Mio. Menschen haben Schwierigkeiten, schriftliche Informationen zu verstehen, zu interpretieren und zu bewerten (PIAAC-Auswertung).

Vor diesem Hintergrund die eigene (noch verbliebene) Schreib- und Lesekompetenz an KI zu delegieren, macht die künftige Kompetenzentwicklung in diesem Bereich absehbar. Ein Muskel, der nicht genutzt wird, degeneriert. Die KI selbst tut auch nicht viel dafür, dass sich unsere kognitiven Fähigkeiten beim Lesen und Schreiben großartig entwickeln würden. Im Gegenteil, ihr Output ist auf die zunehmende „Snackibility“ von Sprache und Wissen optimiert: kleine Konsumeinheiten ohne viel Kontext, mundgerecht serviert. „Wissen to go“ mit der ernährungsphysiologischen Substanz eines Burger-Menüs. Damit es schmeckt, bedient sich KI aus der Lebensmittel-Trickkiste, dass es selbst Besseresser Sebastian Lege den Schweiß auf die Stirn treiben würde.

Die folgende Übersicht (mit realen Textbeispielen) zeigt, welche „Zutaten“ die großen Sprachmodelle hauptsächlich und inflationär bei der Generierung von Texten einsetzen. Es ist die Gewürzmischung, mit der jeder Wortbeitrag sofort nach KI schmeckt:

KI kennt noch weitere rhetorische Mittel, ohne die sie einfach nicht kann (z. B. den inflationären Gebrauch von Adjektiven und Adverbien). Die hier genannten sind jedoch die augenscheinlichsten – und unangenehmsten. Denn jedes einzelne ist schon für sich genommen ein Verstärker. Es dient dazu, Wörter und Aussagen zu betonen. In ihrer Kombination und ständigen Wiederholung machen diese Stilmittel dann selbst aus banalsten Inhalten schreiende Marketingtexte.

Unterm Strich erfüllen viele KI-generierte Texte damit gerade mal den kulinarischen Anspruch an eine Tütensuppe – vor allem deshalb, weil sie eins zu eins übernommen werden. Wer sich beim Erstellen eines Textbeitrags (durch die Hilfe generativer Sprachmodelle) die Zeit für kreatives Denken und kognitive Arbeit spart, der setzt sich hinterher auch nicht mehr an den Schreibtisch, um das Ergebnis „menschlicher“ klingen zu lassen. Der Aufwand dafür stünde in keinem Verhältnis zur ursprünglich eingesparten Zeit.

Bleibt also die Wahl zwischen Instant-Suppe und frisch zubereiteten Gerichten. Das entscheidet erst mal jeder für sich. Da wir aber die wenigsten Texte für uns selbst schreiben, treffen wir damit auch immer die Entscheidung, was wir anderen eigentlich auftischen wollen.